Montag, 12. Mai 2014

Duhs Pong

oder korrekter douze points ...

Der ESC (für die Nichteingeweihten: Eurovion Song Contest)  ist bei uns zuhause Kult. Traditionell wird die Sendung, seit wir in der Familie einen Fernseher haben, gefeiert mit Erdnussflips und Sinalco. Und natürlich hatte jedes Familienmitglied  Papier und Bleistift dabei um eine eigene Bewertung zu erstellen. Fand man mit kindlichem Gemüt Gittes "ich will 'nen Cowboy als Mann"   noch ganz passabel,  änderte sich das mit zunehmendem Alter und verändertem Musikgeschmack. Für einen rebellischen Stones-Fan  waren die Darbietungen a la Ralf Siegel oder landestypisch folkoristische Trällersongs ungeeignet. Jetzt machte man sich lustig über das Spießertum, das im Publikum wie im Theater steif da saß und den Darbietungen mit artigem Applaus huldigte. Ich erinnere mich, dass zu jedem Stück ein Dirigent erschien, der dem Orchester feierlich zu dem  Gesangspart des jeweiligen Landes den musikalischen Weg wies. Und den Siegerpreis bekam nicht der Interpret sondern der Komponist und der Texter. Aber angeschaut haben wir ihn weiter den Eurovisons Song Contest - wenn  auch mit anderen Augen und nicht mehr so regelmäßig.  Das änderte sich mit Abba. Yeah, das waren mal andere Klänge und coole Klamotten hatten die an. Da hat man öfter wieder reingeschaut - ist aber nicht viel hängengeblieben aus dieser Zeit. Heute schaue ich wieder regelmäßig. Die Songs sind internationaler geworden man hat sie im Vorfeld schon mal gehört, hat Informationen, die Halbfinale, alles ist transparenter und lockerer. Ich will nicht sagen, dass die Musik besser ist - sie ist anders geworden, gleicher irgendwie oder ich bin, was meinen Musikgeschmack betrifft, offener geworden. Von Rammstein bis Kris Kristoffersen ist quasi alles drin.

Also dieses Jahr auch wieder ESC mit Sinalco und Erdnusflips (diesmal die kalorienreduzierten, die waren übrigens furchtbar = 0 Punkte). Das Starterfeld vom letzen Samstag war stark besetzt. Ich hatte viele Favoriten. Den Norweger mit der zerbrechlichen Stimme, die Jungs aus Malta, die rotgewandete Schönheit aus Aserbeidschan, die Niederländer - hach, ich stehe auf Western und vor allem auf solch wunderbar harmonierende Stimmen. Was ich aber zum niederknien schön fand war die Ballade aus Österreich. Und als Conchita im Finale mit einer gigantischen Lichtschau hinter sich, getragen von der Sympathie des Publikums, das Lied vortrug, wusste ich, das ist der Sieger. Auf den feurigen Flügeln des Phönix im Hintergrund kam nicht nur eine wunderbare Stimme sondern eine Botschaft. Ganz großes Kino.

Für die, die die Aufregung und Anfeindungen um die Person Conchita Wurst im Vorfeld des Contests mitbekommen haben (es soll sogar aus einem Land die Forderung erhoben worden sein, den Beitrag zu sperren) noch eine ironische Schlussbemerkung: Ich verstehe überhaupt nicht, dass es Leute gibt, die sich daran stören, dass ein Mann lange Haare hat und einen Bart trägt?  Gut, er hatte ein Abendkleid an aber es soll ja auch Frauen geben, die Hosen tragen. Oder habe ich wieder irgendetwas nicht verstanden ;-)

Wer übrigens die Facebookseite von Conchita Wurst besucht, dem bleibt angesichts vieler Kommentare dort die Ironie vollends im Halse stecken. Das gilt auch für die Kommentare unter dem Video ...








Kommentare:

  1. ;-) Ich find nur den Künstler-Nachnamen total blöd. Passt gar nicht zum Lied und zum Rest.

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    1. Daran habe ich mich anfangs auch etwas gestoßen aber das feinsinnige Wortspiel auf der CD die die Kommentatorin - während des 2. Halbfinales glaube ich - in der Hand hält, wäre sonst nicht möglich gewesen: "the Wiener takes it all" ...
      lg Christiane

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  2. *lol* - nein, die Leute stören sich sicher nicht daran, dass ein Mann lange Haare hat und Bart trägt. Das gibt es reichlich und oft genug gelten sie als sexy Latinos. Es ist wohl eher, dass der Auftritt ja ein ganz offensichtliches Statement war - ein Aufstand gegen Vorurteile, die es in unserer Gesellschaft zuhauf und nicht nur gegen Homosexuelle und Transsexuelle gibt. Du hast ja meinen post zum Thema Conchita Wurst bzw. Tom Neuwirth gelesen. Mir ist ein homosexueller Mann, der seine Sexualität mit anderen erwachsenen Männer lebt, zehnmal lieber als ein "normaler" heterosexueller Kinderschänder oder Frauenvergewaltiger. Und sicher auch lieber als ein rechter Schläger in Springerstiefeln, der sich in der Politk auch gerne mit Anzug und Krawatte tarnt.
    @Landei: Auch der Nachname Wurst gehört zum Gesamt-Statement.
    Die Stimme und den Song fand ich klasse.
    Liebe Grüße
    Elke

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    1. Ich hoffe, Dir ist der Ironiemodus nicht entgangen ;-)
      lg Christiane

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  3. Hallo Christiane,
    da ich hier oft österreichisches Fernsehen anschaue, war mir Conchita Wurst z.B. aus dem "Seitenblicke-Magazin" bereits ein Begriff, bevor sie zum ESC nominiert wurde. Ich gestehe, dass ich die Person nicht ganz ernst nahm (habe sie allerdings auch nicht hinterfragt) und die Auftritte für "adabeis" (auch dabeis) hielt.
    Das hat sich mit dem Auftritt beim ESC total geändert. Ich war/bin schwer beeindruckt! Der Song, die Stimme, der Auftritt, die Botschaft - großartig!
    LG Renate D.

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    1. Ah, verstehe. Dann war Deutschland ein "adabei" ;-)
      LG Christiane

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  4. Seit diesem Lied, dieser Person, diesem so verdienten Sieg freue ich mich, Österreicherin zu sein.
    Und ehrlich gesagt: das hätte ich bei doch so mancher Kleingeistigkeit, Kleinkariertheit hierzulande nicht gedacht, daß die Zustimmung doch so groß ausfällt.
    Einfach nur erfreulich und schön.
    Gut sowieso.

    p.s.: zu Landei: der Name wurde gewählt, weil es "wurst = wurscht" (auf österreichisch) sein soll, ob jemand Mann oder Frau ist;
    und ja, Elke, auch Deine Meinung teile ich voll und ganz,
    und ja, Renate: die Botschaft ist großartig - und kam an :-)

    Viele liebe Grüße
    Elena

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    1. Ich freue mich bei Euch mit :-) Verdient gewonnen ob nun mit oder ohne Bart - ist doch wurscht.
      LG Christiane

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  5. Mir stellt sich die Frage welche Botschaft diese Conchita Wurst den Menschen in Europa vermitteln wollte?
    Dass es schon seit ewigen Zeiten Männer gibt, die Frauenkleider und Perücken tragen, sich ziemlich grell schminken, ist ja nichts Besonderes mehr. Auch dass Männer so in der Öffentlichkeit auftreten z.B. am Christopher Street Day, im Fernsehen u.s.w., ist nichts Besonderes mehr. Das wird schon seit langer Zeit toleriert. Was also ist die Botschaft? Homosexualität, Bi-Sexualität, Transsexualität wird doch längst toleriert – oder ? Diese neuerliche europaweite Toleranz hat für mich einen leichten Beigeschmack der Heuchelei – denn mal ehrlich - ist ein Bart in einem Frauengesicht wirklich ästhetisch? Ich kann daran absolut nichts Ästhetisches finden – im Gegenteil – mir gefällt das überhaupt nicht – Botschaft hin Botschaft her. Klar kann jeder so rumlaufen, wie es ihm gefällt, die meisten tun es ja bereits – aber gefallen muss es mir deshalb noch lange nicht.
    Muss denn wirklich jeder seine sexuelle Veranlagung so zur Schau stellen und der Welt mitteilen ? Sich öffentlich outen ? Wen geht das was an und wen interessiert das ? Es sind doch die Schwulen und Lesben selbst, die meinen, es hinausposaunen zu müssen.
    Ja, stimmt, ich trage auch Hosen – aber einen Bart würde ich mir deshalb noch lange nicht ankleben – ehrlich – ich käme mir lächerlich vor. Aber jeder soll sein Leben so leben wie er möchte und auf seine Weise glücklich werden – und wen interessiert es da, ob das anderen gefällt ?
    Was mir wirklich gefallen hat, war ihr Gesang – aber der schien ja eher nebensächlich zu sein.
    Ich denke es gibt in Europa wichtigere Themen, als das Thema „Conchita Wurst“.
    Aber nichts für ungut, liebe Christiane, nicht alles muss jedem gefallen.
    Liebe Grüße und einen schönen Abend wünscht Dir
    Laura, die sich wohl ein bisschen sehr ereifert - oder die Botschaft nicht richtig verstanden hat – aber wen interessiert das schon ? Ist eigentlich auch eh wurscht - oder ?

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    1. Conchita Wurst ist eine Kunstfigur. Der junge Mann dahinter, der im normalen Leben ganz normal aussieht, will damit für mehr Toleranz allgemein werben - nicht nur in Bezug auf sexuelle Orientierung. Über das schräge Outfit haben sich die Russen besonders aufgeregt und es gab wohl eine Petition, den Beitrag zu sperren. Daher auch die Buhrufe bei den russischen Zwillingen, (die daran allerdings nun überhaupt keine Schuld hatten). Aber damit hatte bereits so etwas wie Gruppendynamik eingesetzt. Gewürzt mit der angespannten Lage zwischen Ukraine und Russland schwappte Conchita nun eine Welle der Sympathie entgegen. Sie ist übrigens auch sehr sympatisch. Abgesehen davon war der Beitrag einfach gut und wäre sicher auch ohne Bart erfolgreich gewesen. Für mich war die Erscheinung von Conchita ästhetisch, Song und Stimme herausragend und das in Verbindung mit dem Bühnenbild hat mich gepackt. Das es ggf. um eine Botschaft und eine Reaktion geht wurde mir erst später bewusst. Ist eh wurscht - ich freue mich für die Österreicher und für Conchita!
      LG Christiane

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  6. Liebe Christiane,
    ich fand den Auftritt richtig genial und das ganze hatte jede Menge Gänsehautgefühl, ich freu mich für Frau Wurst oder Herrn Wurst, ist auch wurstegal, auf jeden Fall ein tolles Lied und ein sehr interessanter Mensch auch wenn mir persönlich der Song aus den Niederlanden am besten gefallen hat.
    Liebe Grüße von Tatjana

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    1. Ja, die Niederländer ... sehr geil die beiden Stimmen miteinander.
      LG Christiane

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  7. die tochter meiner arbeitskollegin (sechs jahre alt) wollte conchita am samstag unbedingt singen sehen. auf meine frage, wie meine kollegin ihr das aussehen der sängerin erklärt hatte, meinte, sie sie hätte gesagt, das sei ein mann, der gerne frauenkleider trägt und sich so besser gefällt. die antwort der kleinen: "das versteh ich gut, ich trag ja auch lieber jungskleider!" so einfach kann es sein :)
    und zu lauras beitrag: ich denke, niemand ist so blauäugig zu glauben, dass jetzt alles gut ist und die welt plötzlich tolerant geworden ist ... aber der erste schritt ist, darüber zu reden. und das wird ja nun ausreichend getan!
    mein persönlicher favorit war der norwegische beitrag, country ist nicht ganz mein ding.

    lieben gruß und danke für diesen post!

    susi

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    1. Kinder sind von Natur aus viel toleranter - Vorurteile bilden sich erst im Laufe der Zeit. Zu der Erklärung für die Tochter eine kleines Zitat aus den vielen kommentaren:" ich habe keine Probleme damit meinen Kindern Conchita Wurst zu erklären. Mit den Polinnen wird es weitaus schwieriger ..."
      LG Christiane

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    2. Stimmt, liebe Christiane, und wie tolerant Europa wirklich ist, hat sich ja bei den beiden russischen Mädels gezeigt, die ausgebuht wurden.
      Gespannt bin ich allerdings wie sich das in der Zukunft mit der Toleranz aufgrund dieses Hypes um Conchita Wurst entwickelt und zwar nicht nur im Bezug auf Kunstfiguren.
      Mir wäre viel lieber es würde europaweit mal ein solches Aufsehen um die Menschenwürde im Alter geben - aber das geht jetzt so was von am Thema vorbei -
      sorry - nur die alten Menschen, die teilweise ein menschenunwürdiges Dasein fristen,
      tun mir halt sehr leid und sind mir auch viel wichtiger, als der Hype um na ja, um diese
      "Kunstfigur".
      Aber das gehört jetzt wirklich nicht hier hin - sorry nochmal - aber ich hatte jetzt einfach das Bedürfnis dies zu schreiben.

      Liebe Grüße und einen schönen, entspannten Tag
      Laura, die mal wieder aus der Rolle gefallen ist, aber gerne einfach mal ihre Meinung sagen wollte.

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  8. Ah, bei euch geht es ja ähnlich wie bei uns zu *lach*! Ich liebe übrigens auch Countra und die Beiden waren toll. Und Conchita, klar, grandioser Auftritt!
    Liebe Grüße
    Angie

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  9. Also wir haben den ESC dieses Jahr nicht verfolgt. Doch den Auftritt von Conchita Wurst haben wir durch Zufall gesehen, als wir während einer Werbepause auf einem anderen Sender umgeschaltet hatten.
    Das Lied begeisterte mich ehrlich gesagt nicht wirklich. Aber dennoch finde ich das C. Wurst den Sieg verdient hat, weil sie großartig gesungen hat und ihre Abendgaderobe umwerfend aussah. C. Wurst hat eine ganz tolle Gesangsstimme. Herzlichen Glückwunsch zum Sieg!

    LG
    Malina!

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  10. Hach, da geht mir das Herz auf. Noch ein ESC-Fan und dann auch noch mit der gleichen Einstellung zur Frau Wurst wie ich :-)

    Bei uns wird traditionell seit Jahren zum ESC mit Freunden gegrillt. Meine Favoriten war im Vorfeld schon "die Wurst" nachdem ich sie im Halbfinale gesehen hatte. Aber auch die norwegische Ballade war super. Aber auch die rockige Italienerin hatte mir gefallen :-)

    LG Frauke

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